Trauma Patienten wird der
Schreck genommen.
Jeden kann es jederzeit treffen: Man ist in
einen schweren Unfall verwickelt, erhält die
Diagnose Krebs, verliert jäh einen geliebten
Menschen, erfährt Gewalt durch die Natur oder
einen anderen Menschen. Heute werden
einschneidende Lebensereignisse, aber auch
Alltagserfahrungen wie Ärger am Arbeitsplatz
oder ein verlorenes Fußballspiel, schnell mit
dem Begriff "Trauma" belegt. Die Folge ist, dass
er sich abgenützt hat und oft nicht mehr exakt
gebraucht wird, kritisiert eine Pionierin der
Traumatherapie in Deutschland, die Nervenärztin
und Psychoanalytikerin Luise Reddemann.
Mindestens drei von vier Menschen müssen
einmal im Leben Schicksalsschläge hinnehmen.
"Die meisten Menschen haben genügend eigene
Kraftquellen, um sie zu überwinden", stellt
Reddemann klar. Auch schwere seelische
Verletzungen können heilen, lautet ihre
Botschaft. Wichtig sei dafür neben den eigenen
Heilkräften ein sicheres soziales Netz wie
Familie und Freunde, um seine inneren Kräfte
mobilisieren zu können.
Extreme Ohnmacht,
Angst und Entsetzen
Ein Trauma zeichnet sich durch Lebensbedrohung
oder Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit,
durch Gefühle extremer Ohnmacht, Hilflosigkeit,
Angst und Entsetzen aus.
Traumatisiert werden können die Opfer selbst,
aber auch die Zeugen eines schrecklichen
Ereignisses oder die Angehörigen. Ein
traumatisches Ereignis löst im Körper eine akute
Stressreaktion aus: Stresshormone wie Cortisol
und Adrenalin werden vermehrt ausgeschüttet, der
Blutzuckerspiegel steigt, Puls und Herz jagen.
Extremer Stress führt häufig zu einer Blockade
der normalen Verarbeitungsprozesse im Gehirn. So
erklärt sich, dass viele Menschen nicht mehr
erinnern können, was bei einem Unfall geschehen
ist.
Wie gut ein Trauma verarbeitet wird, hängt
von den eigenen körperlich-seelischen Ressourcen
und der Art des Traumas ab. Kinder sind
gegenüber traumatischen Erlebnissen schutzloser
und brauchen Unterstützung bei der Verarbeitung,
um wieder Vertrauen ins Leben entwickeln zu
können. Traumata, die durch Menschen vorsätzlich
verursacht worden sind wie Vergewaltigung oder
ein tätlicher Überfall, sind schwerer zu
überwinden als Naturgeschehen oder kollektive
Katastrophen wie Kriege. Eine einmalige
Traumatisierung etwa durch einen Unfall kann
leichter verarbeitet werden als eine
fortdauernde wie durch sexuellen Missbrauch. Wer
als Kind eine sichere Bindung erfahren hat und
in einem verlässlichen sozialen Umfeld lebt, hat
es leichter, die traumatische Zäsur in sein
Leben zu integrieren.
Unausweichlich ist es, dass sich Körper und
Seele mit dem Schrecklichen erst einmal
auseinandersetzen müssen. Die schlimmen Bilder
können blitzartig wieder auftauchen - in der
Fachsprache als "Flashbacks" oder "Intrusionen"
bezeichnet. Sie können durch Reize ausgelöst
werden, die mit dem schrecklichen Geschehen nur
entfernt zusammenhängen, wie z. B. durch
bestimmte Gerüche oder Geräusche - etwa das
Rasierwasser des Täters oder quietschende
Reifen.
Ereignis mit
allen Details wiederholen
Der Körper wird dann wieder in eine
Panikreaktion versetzt. War man in der Fachwelt
früher der Meinung, man könne ein solches
Ereignis nur dann richtig verarbeiten, wenn es
in Gedanken mit sämtlichen schrecklichen Details
unter therapeutischer Anleitung noch einmal
durchlebt wird, so plädieren Traumaexperten
heute eher dafür, "schonendere Verfahren
einzusetzen, um sich mit dem Trauma zu
konfrontieren", sagte die Psychotherapeutin
Christa Diegelmann aus Kassel.
Besonders, wenn das Trauma noch nicht lange
zurückliegt, können Methoden, die den Stress
reduzieren, dazu verhelfen, wieder Zugang zur
inneren Balance zu finden. Dazu gehören
Atemübungen und Methoden zur Muskelentspannung.
Für Beruhigung sorgt auch ein klar
strukturierter Tagesablauf mit regelmäßigen
Spaziergängen und Mahlzeiten. Wichtig sind
ausreichender Schlaf und eine gesunde Ernährung
sowie Kontakt zu nahe stehenden Menschen.
Um das Erlebte besser verarbeiten zu können,
gilt es, innere Ressourcen zu aktivieren. So
können Bilderreisen in der Fantasie vom Ort des
schrecklichen Geschehens wegführen. "Diese
Fantasiereisen oder die Vorstellung einer
angenehmen Farbe oder Blume und schöne
Kindheitserinnerungen bewirken dieselben
gehirnphysiologischen Vorgänge wie das reale
Erleben", sagt Diegelmann. Dadurch könnten
heilsame innere Kräfte aufgespürt und genutzt
werden.
Integrieren in
den Lebenslauf
Gelingt es nicht, das extrem belastende
Lebensereignis in den Lebenslauf zu integrieren
und verharren Körper und Seele über mehrere
Wochen im Alarmzustand, droht eine
posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) mit
erheblichen körperlichen und seelischen Folgen.
Psychotherapeutische Hilfe ist spätestens dann
dringend geboten.
Immer wieder erscheinen die quälenden Bilder
vor dem inneren Auge, man ist überreizt, schläft
schlecht, leidet unter Schwitzen, Puls- oder
Herzjagen: Die Betroffenen sind unkonzentriert,
von Angst geplagt und vermeiden strikt alles,
was sie an das schlimme Geschehen erinnern
könnte. Dies kann dazu führen, dass sie sich von
der Außenwelt abkapseln und ihr Gefühlsleben
völlig ausschalten.
Einordnung ins
Denken
Das Trauma kann psychisch auch deshalb nicht
verarbeitet werden, weil die dabei erlebten
Gefühle und Sinneseindrücke auf einer
"primitiven" Ebene, nämlich in der
Mandelkernregion (Amgygdala) des Gehirns
abgespeichert werden. Sie wird auch das
Angstzentrum des Gehirns genannt. Die dauernde
Übererregung verhindert, dass das Erlebte in
übergeordneten Hirnstrukturen wie Hippocampus
und Frontalhirn weiterverarbeitet, bewertet und
eingeordnet wird. Erst wenn es gelingt, die
diffusen Gefühlserlebnisse wieder ins Denken
einzuordnen, kann das Trauma überwunden werden.
So zielen die psychotherapeutischen
Behandlungen zunächst darauf, die Patienten zu
stabilisieren. Die Patienten brauchen einen
sicheren Ort und therapeutischen Begleiter, um
sich der Konfrontation mit dem Trauma stellen
und es in ihre Lebensgeschichte integrieren zu
können. Sprachliche Verfahren allein reichen oft
nicht aus: "Reden über das Trauma hilft nur
dann, wenn auch die emotionalen und körperlichen
Reaktionen integriert werden, sagt die
Psychotherapeutin Christa Diegelmann. Dies
gelinge gut, wenn auch nichtsprachliche
therapeutische Techniken einbezogen würden, etwa
das Malen von inneren Bildern und Symbolen oder
imaginative Techniken, wie die
Beobachtertechnik: Dabei wird das Trauma aus der
Perspektive eines Beobachters betrachtet.
Unwillkürliche
Entspannung
Erstaunliche Erfolge in der Traumatherapie
werden auch mit EMDR (Eye Movement and
Reprocessing") erzielt. Charakteristisch hierfür
ist der Einsatz von "bilateraler Stimulation"
während der Konfrontation mit dem Trauma: Der
Therapeut bewegt die Hand vor den Augen des
Patienten hin und her, die dieser automatisch
verfolgt. Er wird angehalten, im selben Moment
an das traumatische Ereignis zu denken und sich
die Bilder und Gefühle ins Gedächtnis zu rufen.
Die Augenbewegungen führen offensichtlich zu
einer unwillkürlichen Entspannung des Körpers,
was wiederum bewirkt, dass das schlimme
Geschehen "in der Psyche vernetzt und so
verarbeitet werden kann", erklärt Martin Sack
von der Psychosomatischen Klinik der TU München.
Klopfen auf Hände
oder Knie
Warum es wirkt, ist noch nicht endgültig
geklärt. Dass es wirkt, ist hinreichend
bewiesen, so Sack. Er betont, dass diese Technik
nur von sehr erfahrenen und speziell dafür
ausgebildeten Traumatherapeuten angewendet
werden dürfe (Adressen:
www.degpt.de )
Derselbe Effekt scheint auch durch eine
andere "bilaterale Stimulation" einzutreten,
nämlich dem wechselseitigen Klopfen des
Therapeuten auf die Hände oder Knie der
Patienten.
Gelingt es, solch schwerwiegende
Lebensereignisse zu verarbeiten, kann man
gestärkt und gereift daraus hervorgehen.
Traumatherapeuten sprechen von "posttraumatic
growth". Menschen mit einer solchen Erfahrung
haben gelernt: "Es kann jederzeit etwas
Schlimmes passieren, aber ich kann es auch
bewältigen."
Hier findet man
Hilfe
Wirksam bei traumatisierten Menschen scheint
auch eine virtuelle Schreibtherapie über das
Internet zu sein. In den Niederlanden wurde
„Interapy“® entwickelt. Traumapatienten
schreiben sich das Schlimme zu Hause an ihrem
Computer von der Seele und senden dies an einen
virtuellen Psychotherapeuten. Studien an der
Universität Amsterdam und Zürich zeigen, dass
mit dieser Schreibtherapie über fünf Wochen, die
der niederländische Psychologe Alfred Lange
entwickelt hat, hohe Erfolgsquoten zu erreichen
sind. In Deutschland ist eine solche rein
internetbasierte Therapie ohne persönlichen
Kontakt zum Therapeuten bislang nicht möglich.
Die Stiftung „Überbrücken“ in Berlin, die 2007
gegründet wurde, will Menschen aus Kriegs- und
Krisengebieten helfen, ihre erlittenen Traumata
zu überwinden. „Ziel der Stiftung ist es,
Projekte zu unterstützen, die Menschen helfen,
ihre durch Krieg, Verfolgung und Vertreibung
erlittenen Traumata, ihre Schuld- und
Schamgefühle zu überwinden“, so der
Stiftungszweck. Dabei sollen in die
therapeutische Arbeit neben Opfern auch Täter
eingebunden werden. Nur so sei zu verhindern,
dass aus nachfolgenden Generationen erneut Opfer
oder Täter werden. Mit Fachvorträgen und einem
regelmäßigen Austausch bei den „Cafe´s am
Mittwoch“ sollen persönliche Kriegserlebnisse
ausgetauscht werden. Informationen unter
www.stiftung-ueberbruecken.de
Gottfried Fischer „Neue Wege aus
dem Trauma – erste Hilfe bei schweren seelischen
Belastungen“.
Luise Reddemann, Cornelia
Dehner-Rau „Trauma- Folgen erkennen, überwinden
und an ihnen wachsen“.